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Neubau ohne Termin

Seit zehn Jahren plant Mainz eine Synagoge, jetzt soll eine Stiftung für die nötigen Finanzmittel sorgen

von Annette Kanis


Einstimmig votierten im Sommer 1999 die Jury-mitglieder für diesen Entwurf des Kölner Architekten Manuel Herz. Fotos: Büro Herz

Die Jüdische Gemeinde Mainz bildet keine Ausnahme. Wie so manche andere Gemeinde hat auch sie mit Platzmangel zu kämpfen. Hatte sie in den siebziger Jahren nur rund einhundert Mitglieder, stieg ihre Zahl in den neunzigern auf dreihundertfünfzig, heute sind es fast tausend. Der Synagogenraum in der Forsterstraße ist schon lange zu klein geworden. „Bei unseren G"ttesdiensten sind die dort vorhandenen achtzig Plätze stets restlos besetzt“, sagt Janusz Kuroszczyk, Geschäftsführer der Gemeinde. An Feiertagen würde sich der Platzmangel extrem bemerkbar machen.

Pläne, eine neue Synagoge zu bauen, bestehen seit längerem. So wurde bereits vor fast zehn Jahren von der damaligen Gemeindevorsitzenden Esther Epstein ein Kuratorium für den Neubau eines G"tteshauses gegründet. Der architektonische Entwurf für die Synagoge steht: ein aufgesplitteter Gebäudekomplex, geplant von dem Kölner Architekten Manuel Herz, nachempfunden dem hebräischen Wort „kadosch“, „heilig“.

Der Verein Eine Neue Synagoge für Mainz macht sich für beides stark – den aufgrund seiner architektonischen Finesse hoch gelobten, aber auch umstrittenen Entwurf sowie die nicht einfache Rückführung des Grundstücks in der Hindenburgstraße an die Jüdische Gemeinde, auf dem die zerstörte Synagoge stand und auf dem die neue gebaut werden soll. Die auf der Jahreshauptversammlung wiedergewählte Vorsitzende Irina Wittmer betonte stellvertretend für den seit November 1997 bestehenden Verein: „Wir sind das lebendige Mahnmal dafür, daß es die Pflicht von Politik und Gesellschaft ist, dafür zu sorgen, daß die Jüdische Gemeinde eine Synagoge erhält.“ Ideell, im Sinne einer Stimme Mainzer Bürger, und finanziell über Spendengelder, versucht der Verein, hier seinen Beitrag zu leisten.

Doch es fehlt Geld. Die Verhandlungen über das Grundstück ziehen sich in die Länge. Seit den sechziger Jahren gehört der Grund an der Hindenburgstraße dem Bund. Der hatte das Gelände von der Stadt übernommen, die es nach dem Krieg von der Gemeinde gekauft hatte. Die Ministerialbürokratie fordert jetzt, daß das Grundstück zu einem marktgerechten Preis zurückgekauft wird. „Doch dazu ist die Gemeinde nicht in der Lage“, sagt Geschäftsführer Kuroszczyk. Daß sich die Neubaupläne jetzt so lange hinzögen, läge an der allgemeinen schlechten Finanzlage von Bund und Land.

Bei den Neubauplänen handelt es sich um ein Zwanzig-Millionen-Euro-Projekt. Die Stadt Mainz hatte bereits zu Beginn der Planung ein Drittel der Finanzierung zugesichert. Gespräche Anfang dieses Jahres mit dem Land hätten ergeben, daß ein weiteres Drittel vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten „so gut wie zugesagt sei“, sagt Anton Maria Keim, ehemaliger Mainzer Kulturdezernent und Kuratoriumsmitglied. Eine eher noch vage Formulierung. Beim letzten Drittel der Finanzierung setzt man auf ein Entgegenkommen des Bundes. „Wir fordern eine Sonderleistung durch Finanzminister Eichel als Stück materielle Wiedergutmachung“, sagt Keim. Doch konkrete Aussagen vom Bund lassen noch auf sich warten.

Die Verhandlungspartner auf Bundes und Länderebene machten zudem klare Strukturen in der Gemeinde zur Voraussetzung für Verhandlungen, erklärt Keim. Daran könnte es in der vergangenen Zeit etwas gemangelt haben. Der Ende April abgewählte Gemeindevorsitzende Mark Soibelmann habe zunächst nicht deutlich genug hinter dem Neubauprojekt gestanden. Bei seiner Wahl vor vier Jahren hatte er vielmehr die Gedanken ins Spiel gebracht, das Gelände einer restaurierten kleinen Synagoge im Mainzer Stadtteil Weisenau zu einem Gemeindezentrum auszubauen. Doch im Laufe seiner Amtszeit änderten sich diese Pläne. Mit der neuen Gemeindevorsitzenden Stella Schindler-Siegreich und dem am vergangenen Sonntag gewählten Vorstand wolle man nun baldmöglichst eine gemeinsame Strategie für das weitere Vorgehen entwickeln, sagte Kuratoriumsmitglied Anton Maria Keim.

Die neue Synagoge ist Stella Schindler-Siegreich wichtig. „Es besteht ganz offensichtlich Platzmangel, und für so eine bedeutende Gemeinde wie Mainz wünsche ich mir größere und repräsentativere Räumlichkeiten“, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen. Zu dem vorliegenden Entwurf von Manuel Herz wollte sie noch keine abschließende Stellung nehmen. Erst kurze Zeit im Amt, wolle sie sich zunächst in die Thematik einarbeiten. Stella Schindler-Siegreich lebt seit 1960 mit einem acht Jahre währenden Abstecher nach Wiesbaden in Worms, das zur Jüdischen Gemeinde Mainz gehört. Die Sechsundfünfzigjährige hatte sich bei der Gemeinderatswahl überraschend gegen den bisherigen Vorsitzenden Mark Soibelmann durchgesetzt. Die gelernte Volkswirtin war zuvor Mitglied einer seit Januar tätigen Revisionskommission der Gemeinde.

Käme es zu dem Neubau, müßte die Jüdische Gemeinde Ausstattung und Folgekosten finanzieren. Um hier ein Signal zu setzen, plant der Verein Eine Neue Synagoge für Mainz die Gründung einer Stiftung. Anders als der Verein, der sich auflösen wird, sobald das Ziel Neue Synagoge erreicht ist, ist die Stiftung auf Dauer angelegt. Die Namen der Stifter würden sich mit diesem Projekt verbinden, erläuterte Vorstandsmitglied Christl Blank. Mit ihren Spenden solle der Unterhalt der Synagoge in Zukunft gewährleistet werden. Teile des einzuwerbenden Kapitals könnten jedoch auch unmittelbar in den Bau der Synagoge fließen. Als Stiftungsträger wurde die Jüdische Gemeinde Mainz vorgeschlagen. Gesucht werden nun Stifter, die mit ihren Zusagen das nötige Grundkapital des Stiftungsvermögens einbringen.

Irina Wittmer vom Förderverein sieht die primäre Aufgabe des Vereins darin, der Gemeinde zu helfen, das für den Neubau nötige Grundstück zu erwerben. Denn sonst würden die Jüdische Gemeinde und die nicht-jüdischen Mainzer den Glauben an das Projekt völlig verlieren. „Es gab bislang viele Entmutigungen, aber wir hoffen auf eine positive Wende.“ Von den Politikern auf Stadt- und Landesebene fordert sie mehr Einsatz. „Wenn diese wirklich Engagement zeigen würden, dann hätte die Jüdische Gemeinde das Gefühl, willkommen zu sein, und es gäbe gewiß mehr Mut, den Neubau anzugehen“, sagt Wittmer.

aus: Jüdische Allgemeine, Nr. 19/04


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